Aus der Null-Ebene

Georgia Holz im Gespräch mit 
Matthias Klos und Hans-Jürgen Poëtz

Bei unserer ersten gemeinsamen Erkundung erlebte ich die Donau City als unglaublich trist, was sicherlich auch dem kalten, trüben Wetter geschuldet war, aber die nahezu dystopische Atmosphäre faszinierte mich auch ungemein und weckte mein Interesse. Was hat Euch dazu bewogen, Euch mit diesem spezifischen Ort im urbanen Gefüge Wiens auseinanderzusetzen und ein Projekt im öffentlichen Raum zu initiieren? 

Klos: Der Stadtraum und seine Plätze haben während der Pandemie eine besondere Bedeutung erlangt. Aufgrund der außergewöhnlichen Situation haben Nähe und Distanz sowie das Bewegen in der Stadt eine neue Bedeutung erhalten. Um trotz „social distancing“ miteinander in Kontakt zu bleiben, wurde das Spazierengehen zu einer Form des Miteinanders, die den Anforderungen der Pandemie gerecht wurde. Bei einem unserer Corona-Spaziergänge ist uns aufgefallen, dass wir uns unabhängig voneinander mit der Donau City beschäftigt haben. Ich habe mich visuell damit auseinandergesetzt, während Hans-Jürgen sich akustisch damit beschäftigt hat.


Poëtz: Wir waren beide sofort vom Spannungsfeld zwischen Faszination und Absurdität des Ortes angetan. Die Donau City präsentiert sich als Raum, der nicht beliebig austauschbar ist. Unabhängig davon, wie man diesen Raum in seiner audiovisuellen Erscheinung zunächst beurteilen mag, bietet die Donau City zahlreiche Interpretationsmöglichkeiten, die uns einfach staunen lassen. Ein Projekt nicht nur für den Ort, sondern auch mit und aus dem Ort und seiner Geschichte heraus zu entwickeln, ist unabdingbar für eine ortsspezifische Auseinandersetzung, um letztlich Zustände zu erzeugen, die diesen Raum wieder konfrontieren und anders erlebbar machen. Der öffentliche Raum bietet dabei allen die Möglichkeit, diesen Raum neu zu erkunden – online und vor Ort.

Welche konkreten Beobachtungen habt Ihr bei Euren Spaziergängen gemacht? Und auf welche Phänomene seid Ihr bei der Recherche gestoßen, die prägend für Eure Sichtweise auf diesen Stadtteil waren? 

Klos: Die Donau City wurde als modernes Zentrum geplant. Die Infrastruktur für die Automobilität, einschließlich Straßen und Parkhäusern, wurde in die unterirdischen Ebenen –2 und –3 verlegt. Die Ebene 0 ist autofrei und verbindet die Wohn- und Geschäftsbauten miteinander, darunter auch die höchsten Gebäude der Stadt. Der Stadtteil soll letztendlich Wohnraum und Arbeitsplätze für rund 15.000 Menschen bieten. Das in den Stadtteil integrierte Kongresszentrum Austria Center Vienna ist mit seinem weitläufigen Vorplatz, der kürzlich überdacht wurde, direkt mit der Ebene 0 verbunden.

Poëtz: Die für uns interessante Ebene 0 ist ein windiger und zugiger Freiraum, der eine gefühlte Distanz zwischen den Baukörpern erzeugt. Versuche, ihn durch teilweise Begrünungen, belebende Elemente oder Spielbereiche für Kinder attraktiver zu gestalten, lassen letztendlich die grundlegende Frage nach einer überspannenden Idee oder einem Zusammenhalt dieser urbanen Umgebung unbehandelt. Man bewegt sich in einer baulichen Gestaltung, die den Eindruck vermittelt, dass Menschen hier eher als ein logistisches Problem denn als ein soziales Phänomen betrachtet werden. Die Anwesenheit von Impf- und Teststraßen verstärkten zusätzlich diesen dystopischen Charakter.

Klos: Mich zieht die Erscheinung der Donau City als Ort an, an dem all das, was man auf einer touristischen Ebene mit WIEN in Verbindung bringt, nicht präsent ist, was den Stadtteil gewissermaßen zu einem Nicht-Ort macht. Gleichzeitig ist die Automobilität, auch wenn sie nicht direkt sichtbar ist, immer präsent. Der Stadtteil ist auf der oberirdischen Nutzungsebene autofrei, aber die nicht sichtbare Organisation des automobilen Verkehrs im Untergrund prägt sich eigenartigerweise nach oben aus. Die verdeckten Straßen und Parkflächen ziehen sich wie Feuchtigkeit nach oben.

 

Dadurch entstehen Flächen und Orte mit eigentümlichen, irgendwie unpassenden Dimensionen, die unverbunden und unbestimmt, wie übriggebliebene Abstandszonen wirken. Dann die unerwarteten Durchbrüche und Einblicke in den Untergrund, der Wechsel der sonnigen Promenaden zu den dunklen und dröhnenden Minus-Ebenen. Wenn man die wenigen nutzbaren und erlaubten Abgänge benutzt, stößt man auf Schilder, die auf die Lebensgefahr für Fußgänger im Tunnelsystem hinweisen und das Betreten strengstens untersagen.

 

Es sind zusammengenommen diese Brüche und Konfrontationen, die zu der sehr gerichteten Erscheinung der Null-Ebene führen, die mich auf einer visuellen Ebene interessieren. Wie zeigt und wie strukturiert das, was nach unten geschoben wurde, die Erscheinung der fußläufigen Bereiche? Welche Gefüge, Schemata, Konstitutionen, Dichten oder Zustände und Beschaffenheiten ergeben sich daraus? Mich interessieren die entstehenden ungeplanten Arrangements der Bebauung und ihrer Bezogenheit auf ihre Umgebung. Wie kommt man dieser Umheimeligkeit aus einem Stakkato an Fragmenten und solitärer Ödnis nahe? Irgendwo zwischen Analyse und Spekulation geht es darum, die Wechselwirkungen dieser Konglomerate aus Klüften, Spalten und Zäsuren, mit ihren verdichteten Restflächen, den baulichen Fehlbeträgen und visuellen Drainagen zu verorten. 

 

Poëtz: Nebeneinandergereihte Versatzstücke, verbunden durch Rampen, Hohlräume und Spiegelflächen, verwandeln den Ort in eine Art Klangskulptur, die mein künstlerisches Interesse weckt. Von unten spiegeln sich die Verkehrsgeräusche durch die bis zu dreigeschossigen Öffnungen über die Baumassen weit nach oben und vermischen sich mit Klängen von Baustellen, Umbauten, Stimmen und verborgenen Vibrationen. Sie erzeugen somit einen ganz individuellen akustischen Fußabdruck dieses Ortes. Der Wind durchweht das Areal immer wieder, pfeift, bricht und durchspült es, was zu unterschiedlichen akustischen Zuständen führt. Wenn der Wind schließlich doch einmal abklingt, kehrt zu bestimmten Tageszeiten eine äußerst unheimliche Ruhe ein. Es ist ein zusammengewürfelter Un-Ort, an dem aufgrund seiner Lage und Umgebung (Wasser, Park, Infrastruktur, Raum) eigentlich alles vorhanden war, um dem ästhetisch alten Wien ein ästhetisch modernes Wien entgegenzusetzen, sogar mit „internationalem Herzen“.

 

Ich erinnere mich gut daran (lacht), als wir während unserer ersten gemeinsamen Bestandsaufnahme vor Ort auf einer Bank in der Nähe des Ares Towers eine kurze Pause machten. In diesem Moment fuhr eine Botin vorbei, deren am Fahrrad montierter Lautsprecher weiterlief. Es ertönte die Melodie: „Wir haben gehalten in der langweiligsten Landschaft der Welt, wir haben uns unterhalten und festgestellt, dass es uns hier gefällt…“ Als wir uns gegenseitig ansahen und beinahe gleichzeitig den Titel von Tocotronics „Let There Be Rock“ aussprachen, war uns klar, dass wir die Verbindung zwischen der visuellen Erscheinung eines Ortes und seiner Akustik als multidisziplinäres Projekt weiter erforschen müssen. Wo liegen die verborgenen Qualitäten des Ortes? Wie funktionieren diese neu geschaffenen Orte? Wofür werden sie genutzt? Was geschieht, wenn man einen neu geschaffenen Ort abseits seiner Funktion untersucht? Welche Strukturen müssen sie erfüllen? Welche Potenziale sind erkennbar? Was ist wahrnehmbar? Wie kann eine moderne Stadt als öffentlicher Raum Orte schaffen, an denen man verweilen kann, im Kontrast zur gesellschaftlichen Geschwindigkeit – Orte als sinnliche Wahrnehmung und Orte des Diskurses? Ist dies überhaupt ein Anliegen? Was wird dem jeweiligen Schauplatz gerecht? Wie nimmt man den jeweiligen Ort inmitten der Bewegung und seiner Umgebung wahr? Wie richtet sich unser Blick in die Zukunft?

 

Wie man diese Fragen auch zunächst beantworten mag, sie verweisen stets auf eine wesentliche Komponente jeder künstlerischen Auseinandersetzung – den Ort, an dem etwas Raum einnimmt. Bis ins 19. Jahrhundert waren Öffentlichkeit und öffentlicher Raum identisch, da die bedeutsame Kommunikation vor allem auf Plätzen in unmittelbarer Weise stattfand. Dass sich die Form der Kommunikation auf die Gestalt des öffentlichen Raumes auswirkt, wurde mit der zunehmenden Verbreitung von Informationsmedien klar, die die Kommunikation von räumlicher Präsenz entkoppelten.

 

Das heißt, Ihr wollt mit dem Projekt auch den öffentlichen Raum als politischen Raum reaktivieren?

Klos: Natürlich stellen wir uns die Frage nach der „Architektur als Medium des Sozialen“ und der politischen Dimension des Stadtraums. Heike Delitz hat diesen Begriff geprägt und meint damit nicht die Medialität von Architektur in ihrer Erscheinung, also zum Beispiel ihre materielle Oberfläche, sondern Architektur als ein Medium, in dem sich eine Idee von Gesellschaft manifestiert. Architektur ist nicht der Spiegel eines sozialen Miteinanders, in ihr bestimmt und etabliert sich mit, um welche Gesellschaftsweise mit welchen Subjektformen es sich handelt. Mit viel Ironie oder Sarkasmus könnte man sagen, dass die Donau City geradezu für eine Pandemie erbaut worden zu sein scheint. Es ist erstaunlich, wie gut sich der Ort für die Logistik von vielen Menschen eignet.

 

Die Entwicklung dieses Stadtteils ist geprägt von einer schockierenden Ignoranz seitens der Stadtregierung – eigentlich kann man von einem städteplanerischen Totalversagen sprechen. Die geradezu menschenfeindliche Architektur und der architektonische Wildwuchs werden beim ersten Betreten des Areals offensichtlich. Kein Ort lädt zum Verweilen ein, der öffentliche Raum scheint als transitorischer Raum angelegt zu sein, der lediglich durchquert werden soll. Es drängt sich die Frage auf, wer diesen städtischen Raum überhaupt „benützt“ und wie. Welche Erkenntnisse über die Bewohner*innen und Nutzer*innen habt Ihr gewonnen, wen adressiert Ihr mit Eurem Vorhaben? Welche Formate schlagt Ihr vor? 

Poëtz: In einer Zeit, die stark von einer Pandemie geprägt war und herkömmliche Verfahren und Formen der Kunstveröffentlichung in Frage stellte, möchten wir den üblichen Projektansatz umkehren. Statt einer Dokumentation vergangener Ereignisse steht am Anfang ein offener und erweiterbarer Recherchefundus, aus dem wir weiterarbeiten möchten. Unser Ziel ist es, diesen Nicht- oder Un-Ort aus verschiedenen Perspektiven (visuell, akustisch, architektonisch, kunsthistorisch, soziologisch, literarisch, stadtplanerisch und sozial) zu beleuchten und den Vorgang auf einer begleitenden Webseite erfahrbar zu machen. Unser Projekt versteht sich als prozessorientierte Bestandsaufnahme, bei der auch Erkenntnisse von und über die Bewohner*innen des Stadtteils nach und nach einfließen sollen. Die endgültigen Ergebnisse werden im November 2023 in einem Relaunch auf der Projekt-Webseite präsentiert und dienen bis Mai 2024 als Werkzeug für eine multidisziplinäre Erkundung der Wiener Donau City.

 

Klos: Bis dahin möchten wir die Donau City als einen Ort und Raum der Versammlung erproben, der individuell erweitert werden kann. Als ein fortlaufendes und offenes Kompendium oder Vademekum, das Beiträge, Aufzeichnungen und individuelle Notate aus verschiedenen Blickwinkeln versammeln kann. Zu diesem Zweck haben wir im Voraus Autor*innen aus verschiedenen Bereichen eingeladen, Blicke aus unterschiedlichen Perspektiven auf das Areal zu werfen.

 

Ein Beitrag ist der Spaziergang von Patricia Grzonka mit einer Bewohnerin, bei dem beide über die Entwicklung und das Leben in diesem Stadtteil diskutieren. Aus einer persönlichen Perspektive, die mit einem gemeinsamen Kaffee am Balkonfenster beginnt, begleitet man sie bei einem Spaziergang in der Donau City. Dabei werden die baulichen Gegebenheiten, die Hintergründe der markanten Architektur und laufende Bauprojekte erkundet, bis hin zu dem, was als „die Seele des Stadtteils“ betrachtet wird.

 

Clemens Kirsch beleuchtet die Donau City in seinem Text von ihrer historischen Entwicklung bis hin zu ihrem aktuellen architektonischen Erscheinungsbild als eine „gescheiterte Hoffnung“. Reinhard Seiß weitet den Blick auf einen anderen Kontext aus und analysiert die Einflüsse des Immobilienmarktes auf die Planung und Stadtplanungspolitik.

 

Und Bewohner*innen des Stadtteils sind herzlich eingeladen, Erfahrungsberichte, Statements, Beobachtungen und Geschichten über den Raum, den Ort oder das Leben in der Donau City auf der Webseite einzureichen. Daniela Schaudauer hat ein Toolkit für eine individuelle Raumanalyse entwickelt, das als Leitfaden für einen Wahrnehmungsspaziergang in der Donau City genutzt werden kann.

 

Nach all unseren Begehungen mit anderen lässt sich bereits festhalten, dass der Eindruck immer jenem ähnelt, den Du, Georgia, in Deiner Frage formuliert hast.

 

Poëtz: Suchen wir nach Orten zum Verweilen, bieten sich unserer Meinung nach zwei Möglichkeiten an. Entweder begeben wir uns in eines der Hochhäuser und genießen von dort oben den Weitblick auf die Umgebung. Oder wir flüchten aus dem bebauten Areal. Entlang der UNO City schirmt uns ein Zaun mit angedeutetem Stacheldraht ab. An der U-Bahn-Station möchte man ebenfalls nicht lange warten, um zu entkommen. Vielleicht werden die Wiener Linien noch weitere Stationen bauen, die sich architektonisch mit Metaphern auseinandersetzen. Und vielleicht bekommen diese neuen Stationen die Chance, eine Struktur als Konstellation von Elementen zu schaffen, die in wechselseitige Beziehungen treten können, anstatt die Bezeichnung einer Metapher mit ihrer Zerstörung gleichzusetzen. Ähnlich einem Würstelstand in Form eines Würstels, der alle anderen Metaphern unterdrückt. Oder, wie Alfred Dorfer es so treffend in seinem Programm ‚Fremd‘ ausdrückte: „Wenn es von allem und jedem ein Bild gibt, dann hat die Vorstellung Pause“.

 

Entscheidet man sich für einen Spaziergang, gelangt man entlang der von der U-Bahn vibrierenden Reichsbrücke ans Wasser, um endlich einen Ort zum Verweilen zu finden. Wenn man das Areal nordwestlich in Richtung Wohnbauten verlässt, kann man entweder im Donaupark wunderbar entspannen oder auf dem Weg dorthin an meinem persönlichen Lieblingsplatz innehalten. Am Ende der Donau-City-Straße, kurz bevor man in den Park gelangt, gibt es linker Hand eine Treppe ins Nichts. Oder ist sie vielleicht als Bühne gedacht, um auf den Stadtteil zu blicken? Oben an der Glasbrüstung darf man sich über einen wunderbaren Weitblick auf den Kahlenberg freuen, und wenn man den Blick senkt, nimmt man förmlich mitten im Verkehr Platz und kann zugleich der Poesie des Straßenlärms lauschen, ganz im Sinne von John Cage: „Musik ist nicht das, was man hört oder worauf man hört, sondern alles, was geschieht“. Das ist ein Ort, der unser Verhältnis zwischen Absurdität und Faszination der Donau City recht gut zeigt.

 

Letztlich sind alle herzlich eingeladen, diesen Stadtteil für sich zu erkunden (offline und online) oder sich von Rolf Wienkötter begleiten zu lassen. Er geht in seinem Textbeitrag sowie bei Führungen vor Ort der Frage nach, wie ein solcher Ort vermittelt werden kann.

 

Die Donau City scheint sich genau durch jene „Verödung“ und Leere auszuzeichnen, die der französische Soziologe Henri Lefebvre bereits in den 1960er Jahren in den „neuen Stadtzentren“ festgestellt und kritisiert hatte. In der Donau City sind vor allem die den sozialen Raum betreffenden Leerstellen dramatisch. Es gibt kaum Möglichkeiten für soziale Interaktion – welche Vorschläge macht Ihr mit Eurem Projekt, um diese Leerstellen zu füllen und Begegnungen zu ermöglichen? 

Klos: Genau, unser Fokus liegt auf dem, was Lefebvre vor mehr als einem halben Jahrhundert kritisiert hat. Die Frage ist: Warum hat man es trotzdem gemacht? Wir bieten eine Möglichkeit an, den Stadtteil zu erkunden und sich damit auseinanderzusetzen. Sowohl vor Ort als auch entlang der auf der Webseite versammelten multidisziplinären Beiträge können die Besucher*innen sich beschäftigen und den Stadtteil erkunden.

 

Poëtz: Wir möchten Bedingungen dafür schaffen, dass an einem bestimmten Ort eine neue, spezifische Wahrnehmungssituation entsteht und ein Prozess angestoßen wird. Dabei möchten wir den Raum, seine sozio-räumliche Ausformung, seine „Verödung“ sowie seine sinnliche Erscheinung thematisieren, um Begegnungen zu ermöglichen. Für Lefebvre sind Städte Räume, in denen Kenntnisse, Werke, Techniken und Reichtümer angesammelt werden. Sie fungieren als Zentren des gesellschaftlichen und politischen Lebens. Die „Herrschenden der Städte“ sind jedoch oft nur an Macht und Reichtum ihrer Position interessiert und nicht an der Gestaltung oder zielführenden Investitionen.

 

Dieser Horizont ist bereits vorhanden und mit Eigenschaften ausgestattet, muss jedoch gleichzeitig entdeckt und durch das Erleben erst erschaffen werden. Oder wie der frz. Philosoph Maurice Merleau-Ponty es formulierte: „Wir brauchen uns nicht zu fragen, ob wir die Welt wahrnehmen, sondern vielmehr sagen: Die Welt ist das, was wir wahrnehmen.“ Ausgehend von der Nullebene, ganz im Sinne von Umberto Eco, schlagen wir ein Feld interpretativer Möglichkeiten vor, das die Wahrnehmenden zu einer Reihe stets veränderlicher Interpretationen anregt und wechselseitige Relationen ermöglicht.

 

Worauf bezieht sich im Kontext dieses Projekts der Begriff Poetik, und auf welche Methodik(en) zielt er ab?

Klos: Das Sammeln von Perspektiven, um einen kaleidoskopischen Blick auf den Stadtteil zu werfen, hat uns interessiert. Das ist gewissermaßen ein erster Schritt in Richtung möglicher neuer Sichtweisen oder Ansätze. Durch diese Art der Amplifikation und Reduktion, wie es der Raumplaner André Corboz einmal beschrieben hat, soll ein Fundament für eine zukünftige Poetik dieses speziellen urbanen Raums in Wien gelegt werden.

 

Poëtz: In der Auseinandersetzung mit einem architektonischen Raum besteht die grundlegende Idee unseres Projekts darin, nicht etwas zum Ort hinzuzufügen oder ihm entgegenzusetzen, sondern das Vorhandene aus anderen Blickwinkeln zu betrachten, um neue Antennen und Sensoren für die Umgebung zu entwickeln. Die Poetik ist ja die Lehre von der Dichtkunst, das Wort kommt vom Machen (poiein), und eigentlich kann man auch den Stadtraum als Text lesen, die Donau City als Verdichtung. Während für Aristoteles Kunst die Natur nachahmt und nicht umgekehrt, verfolgen wir einen Ansatz, den Oscar Wilde in Bezug auf den in London von den Impressionisten gemalten Nebel anmerkte: Die Kunst ermöglicht es den Menschen erst, sich ihrer Umgebung bewusst zu werden. Der Stadtraum selbst wird zum Gegenstand der Untersuchung und formt neue Schnittstellen der Betrachtung.          

 

Welche Potentiale seht Ihr aufseiten der Kunst, um eine Ästhetik oder Poesie des öffentlichen Raums zu aktivieren, auch an einem Un-Ort wie diesem?

Poëtz: Der Anspruch von Kunst im öffentlichen Raum sollte heute darin bestehen, der Überflutung durch Informationen und Bilder etwas entgegenzusetzen. Dadurch sollen nicht nur Orte des Verweilens inmitten des hektischen gesellschaftlichen Lebens geschaffen werden, sondern auch Orte der sinnlichen Wahrnehmung und des Austauschs. Das Ergebnis sollte aber nicht auf eine Stadtmöblierung hinauslaufen, sondern es muss zumutbar sein, dem unfreiwilligen Blick des Publikums ein Wahrnehmungs- und Nachdenk-Ereignis zu präsentieren. Dabei geht es auch darum zu scheitern, Zufälligkeiten und Unvorhersehbarkeiten zu akzeptieren, um neue Erkenntnisse im Prozess zu gewinnen. Nicht zuletzt stehen die Sensibilisierung und Schärfung der Sinne im Fokus. Bereits Kant hat in seiner Konzeption des ästhetischen Urteils darauf hingewiesen, dass Ästhetik nicht als Theorie des Schönen oder der Kunst gilt, sondern als Theorie der sinnlichen Erkenntnis. Wahrnehmung und Reflexion sind entscheidende Bestandteile, die unabhängig vom Begriff des Schönen operieren.

Klos: Entscheidend ist, dass Raum in der künstlerischen Auseinandersetzung nicht einfach als austauschbarer Ort definiert wird. Hier liegt ein großes Potenzial der ortsspezifischen Kunst, indem sie Orte, ihre Geschichte, Topografie, Architektur, soziale Räume, Menschen und sinnliche Dimensionen aktiviert, um neue Betrachtungsweisen zu schaffen. Durch poetische Momentaufnahmen und die Suche nach Spuren an einem Nicht-Ort oder Un-Ort können verborgene Aspekte sichtbar gemacht werden. Das Vorhandene ist dabei nicht nur passives Material, sondern auch eine Mitautorin, die neue Fragen aufwirft.

So ist auch geförderte Kunst im öffentlichen Raum nicht zuletzt stets Teil einer wie auch immer gearteten Stadtentwicklungsidee. Sie sollte aber nicht Planungs- und Umsetzungsdefizite ausgleichen – außer man stattet die Projekte mit den gleichen Budgets aus wie die der Planung und Umsetzung. Sonst wird die Kunst in einem solchen Kontext eher zum stadtplanerischen Begleitgrün. 

 

Die kurze Geschichte der Donau City ist geprägt von Spekulation – der Spekulation mit Baugrund, Immobilienobjekten und deren Renditen. Gerade hier scheint es produktiv, den destruktiven Vorgängen des Finanzkapitalismus einen spekulativen Raum, wie ihn die Kunst zu öffnen vermag, gegenüber zu stellen. Welche Spekulationen zu einer anderen Vergangenheit, Gegenwart und vor allem Zukunft dieses Stadtteils habt Ihr angestellt? 

Klos: In einer prozessorientierten Bestandsaufnahme möchten wir zunächst diesen spekulativen Raum erkunden. Unser Ziel ist es, uns dem Vorhandenen zuzuwenden, es aus verschiedenen Perspektiven nachzuzeichnen und – soweit es das Budget erlaubt – detailliert aufzuzeichnen und zu dokumentieren. Die Ausarbeitungen und Ergebnisse unserer künstlerischen Auseinandersetzung werden sich im Laufe des Sommers entwickeln und im Spätherbst auf nullebene.at präsentiert.

 

Poëtz: Blicken wir in die Vergangenheit, erscheint die Donau City wie ein dreidimensionales modernes religiöses Gemälde. Unten befindet sich die Hölle, ein Alptraum, der auf die Nullebene gespült wird. Je höher wir schauen, desto himmlischer wird es, mit allen Annehmlichkeiten. Wenn wir in die Zukunft blicken, sehen wir eine Endzeitstimmung in der Donau City. Es ist ein eigenartiger Verfall, der ästhetische Spuren einer ehemaligen Hochkultur zeigt. Nebenbei bemerkt wäre die Donau City ein großartiger Ort für einen Zombiefilm, sowohl visuell als auch akustisch. Blicken wir in die Gegenwart, werden wir unweigerlich an Ionescos Rhinocéros erinnert. Die Donau City präsentiert sich mit dystopischem Charakter, wo Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft scheinbar gleichzeitig stattfinden und Raum für vielfältige apokalyptische Spekulationen bieten. Diese Spekulationen möchten wir jedoch nicht definieren, sondern aufzeigen und ermöglichen. Es geht zunächst darum, Bedingungen zu schaffen, damit an einem bestimmten Ort neue Wahrnehmungssituationen entstehen können und dieser spekulative Raum überhaupt erst geöffnet wird.

 

Das Gegenteil von Zukunft ist geistiger Stillstand. Solange Menschen mit unterschiedlichen Perspektiven danach fragen, gemeinsam daran arbeiten oder darüber streiten, was sein kann und was sein soll, gibt es ein alltägliches „Morgen“ wie auch ferne Utopie. Aus der Null-Ebene soll neue Sicht- und Hörweisen eröffnen, unterschiedliche Lesarten aufzeigen und neue Zugänge und Ideen erproben. Oder wie John Cage so treffend sagte: „Ich kann nicht verstehen, warum Menschen Angst vor neuen Ideen haben. Ich habe Angst vor den alten.“ 




Georgia Holz
(Kunsthistorikerin, Kuratorin, Autorin und Lehrende 
an der Universität für angewandte Kunst Wien, Abteilung für Ortsbezogene Kunst)

Matthias Klos
(Künstler)

Hans-Jürgen Poëtz
(Medienkünstler, Designer und Kunsthistoriker)